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Schwesterherz

„Ich bleibe einfach hier sitzen, bis ich vermodere. Bis Gras über mich wächst, bis mein Blut verdampft in meinen Adern, dann hört es wenigstens auf zu brennen. Bis ich in den Bauch atmen kann ohne Stiche im Herzen.

Deine zerfledderten Lieblingschucks baumeln vor meinen Augen, der rechte Schnürsenkel ist zerrissen. Über deine nackten Fesseln tanzen die Sommersprossen, sprießen hellblonde Haare. Wie bei mir. Heute sind wir sechsunddreißig geworden. Ich habe mich unter dich gesetzt. Die Vögel zwitschern und es ist ganz friedlich im Garten.

Glaubst du, dass es jetzt besser ist? Für mich nicht! Glaubst du, dass jetzt Ruhe herrscht? Für mich nicht! Arschloch Elendes. Verrotten sollst du in Satans Fängen. Mir deinen Tod aufzuhalsen. Mir deine Wut aufzuzwingen. Mich damit zu behelligen, dich abschneiden zu müssen. Hast du denn kein bisschen Anstand?

Diese Waldbrände, die deine Worte in mir auslösten, waren vor Jahren gelöscht. Bis eben.

Das Display mit deiner SMS in meiner Hand schimmert, seitdem ich sie von dir bekam. Wind ist aufgezogen und dein linker Turnschuh tippt immer wieder leicht an meine Schläfe.

„Happy sechsunddreißig. Schwesterherz“, schriebst du mir heute Mittag, „Bin gerade zu Hause bei Mum und Dad, meine Angst kontrollieren. Habe dich so bewundert damals beim Sprung. Bin verloren gegangen, als du von mir gingst. Liebe dich bis zum Mond. Komme nicht mehr zurück. Wünsch` mir Glück.“

Der zartbittere Geschmack der Schokolade, die ich mir zusätzlich in den Kaffee geschüttete hatte, rann in meiner Kehle hinab. Erdbeergeschmack mischte sich unter die Schokolade und meine Gedanken wanderten zu unserem elften Geburtstag … „