reinlesen

querlesen, schmökern, sich vertiefen, kann jeder hier nach Herzenslust in folgenden Textauszügen ausgewählter Kurzgeschichten:

Carpe diem

„…
In meinen Träumen blinzle ich der Sommersonne entgegen, Lavendelduft in der Nase und umringt von alten englischen Rosen, sitze ich unter der Pergola, die das Licht in unterschiedlichste Grüntöne filtert, betrachte die Schönheit unserer heimatlichen Gartens und nippe an der eiskühlen Zitronenlimonade.

Im Marmorbrunnen plätschert frisches Wasser. Ein Dorfplatz für die Vögel, die lautstark ihre Wichtigkeiten quer durch den Garten rufen. Meine Mutter steht inmitten ihrer Fülle, und schneidet Rosen, summt dabei selbstvergessen. Wenn sie sich bückt, um die Disteln und Winden aus dem Boden zu ziehn, verschwindet sie hinter den Lavendelbergen und tauchte kurze Zeit später bei den Rosmarinbüschen wieder auf.

Damals, als mein Großvater mir noch die Stifte kaufte, glaubte ich, meine Mutter wäre in der Lage sich unsichtbar zu machen. Eine Zauberin mit Sonnenhut und Rosenschere in ihren gelben Arbeitshandschuhen, die die Geschicke dieser Erde mit einem Summen lenken kann.

Jetzt sitzt sie bei den anderen und hofft auf ein Wunder.

In der Geborgenheit der hohen Mauern, die mich vor Winden und den Blicken der Touristen schützen, die unentwegt den Canale Grande kreuzen, kritzelte ich schon als Kind. Im Abbilden meiner äußeren Welt, kam ich mir selbst auf die Spur. Die Bilder waren meine Sprache und Großvater ihr Übersetzter.

Wenn er den Pinoar band, an der hinteren aufgeheizten Steinmauer, antwortet er meist nur mit einem Blick auf meine Fragen, die deutlich auf dem Papier standen. Ging er dann die Mauer entlang zu den Liebesäpfeln, warf er mir einen Handkuss zu. Der segelte, begleitet durch die leichte säuerliche Würze zu mir. Er legte sich auf die Farben und die Unklarheiten begannen sich aufzulösen. Ich wusste nun, an welcher Stelle meines Bildes die Antwort lag.

So viele Male habe ich die Liebesäpfel gezeichnet, dass man meinen könnte, jeder Moment ihres Lebens wäre schon überdeutlich dargelegt. Doch wenn die Erde sich wölbt, die ersten Triebe hervortreten, später an behaarten Stielen, Etage für Etage die gelben Blüten an Rispen hervorwachsen und sich im Verlaufe des Sommers zu Fruchtdolden mausern, die vom ungenießbarem Grün zum saftigen Rot anschwellen, schwer zwischen den gestutzten Blättern heraus leuchten und mir ihren großväterlichen Duft zutragen, komme ich nicht umhin, die Tagesschönste zu pflücken und ungezeichnet meine Zähne in ihr festes Fleisch zu senken und sie zu schmecken. An Ort und Stelle. … „

Sehnsucht, Liebe, Ehe und Krieg lassen die ältere Generation pragmatisch werden. Humor und Eierlikör retten aus scheinbar ausweglosen Situationen und am Ende trinken sie alle aus Sammeltassen ihren Kaffee und die Enkelin versteht nur die Hälfte.

Rommérunde

“ Am Abend, wenn die dicke glutrote Sonne hinter den uralten Fliederbaum die andere Seite der Erde aufsuchte, um dort ihre Hitze über die trockene Savanne tanzen zu lassen, lud mich meine Oma manchmal zum Rommé spielen mit ihren Schwestern ein.

Rommé war ein Spiel, bei dem es immer lustig zuging. Sie spielten es offenbar schon zu Kaiserszeiten.

Tante Liese war die geborene Spielerin. Kühl, still und am Ende gewann sie in einem Zug.

“ Am Abend, wenn die dicke glutrote Sonne hinter den uralten Fliederbaum die andere Seite der Erde aufsuchte, um dort ihre Hitze über die trockene Savanne tanzen zu lassen, lud mich meine Oma manchmal zum Rommé spielen mit ihren Schwestern ein.

Rommé war ein Spiel, bei dem es immer lustig zuging. Sie spielten es offenbar schon zu Kaiserszeiten.

Tante Liese war die geborene Spielerin. Kühl, still und am Ende gewann sie in einem Zug.

Tante Leni, ewig kränklich, jammerte schon bei der ersten Karte und versuchte sich mit großen Kinderaugen, neue Spielkarten zu ermogeln. Manchmal ließen wir uns hinreißen.

Tante Hedwig kam nur in der Erntezeit dazu.

„Reine Zeitverschwendung, wenn ihr mich fragt. Gesellschaftsspiele jeglicher Art, sind so wichtig wie das Haar in der Suppe.“ Dabei goss sie sich den 4ten Eierlikörein und legte aus. „Was man alles sinnvolles tun könnte, wie viele Gläser ich noch einkochen könnte, Prost meine Lieben, wenn ich noch welche hätte.“ Das sie sich trotzdem überwand nutzloses zu tun, kündigte sich ungefähr nach dem 8 Schockobechern voll selbstgemachtem Eierlikör an.

Am Anfang meiner Rommékarriere, fragte ich mich regelmäßig, welchen Grund es gab, zu einem Ereignis zu gehen, dass man so offen ablehnte.

„So ein dämliches Spiel, und dann liegt die Dame noch zwischen Bube und König. So unentschieden. Wenn sie wenigsten neben dem Jocker liegen würde, wäre ja alles viel spaßiger, aber so.“

„Wieso wäre das spaßiger, Tante Hedi?“, mein Blick wanderten über den Tisch hin zum Jocker. Der lag zwischen zwei Zehnern und langweilte sich. Ein Narr, bunt und wild. Schellen an den Schuhen und an der dreieckigen Kappe auf dem Kopf.

„Habt ihr noch leere Einweckgläser Mädchen?“ Tante Leni schob behutsam bei der Frage den Jocker aus der Zehnerreihe und legte eine Herzzehn an seine Stelle.

Immer um den 8ten Eierlikör kam die Frage nach den leeren Einweckgläser, wenn Tante Hedwig mit am Spiel teilnahm. Eigentlich von ihr selbst. Heute hatte Tante Leni wohl ebenfalls alle aufgebraucht.

„Was ist denn jetzt mit dem Jocker?“ drängelte ich auf Antwort.

„Der ist ein Musiker und nicht so langweilig wie der König und sein Bube. Da hätte die Dame mal mehr … „ der Rest des Satzes ging in schweren Hustenanfällen der Beteiligten unter und Tante Hedwig grinste breit. „Hedwig, das Kind ist elf.“ zischte meine Oma über den bunt beladenen Tisch.

„ … Abwechslung“, schob Hedwig trocken nach
…“

In „Zwischen Tür und Angel“ geht es um eine Sechsjährige, die einem sterbenden Misanthropen die Freundschaft anträgt. Der will aber nicht. Das stört die Kleine wenig, denn sie schaut in sein Herz, das einsam ist und Angst hat, egal was er sagt. Freundschaft in sieben Akten.

Zwischen Tür und Angel

Eins

Durch den Kastanienbaum vor meinem Fenster scheint die Abendsonne. Die grünen stacheligen Schalen, die die Früchte schützen, liegen wild im Gras verteilt. Aufgeplatzt durch den Aufprall. Das Innere der dicken Hülle ist ganz weich und hell. Ihr dumpfes Poltern weist auf das Ende des Sommers. Über meine linke Schulter rollt eine Kolone Eisenschweine Richtung Arm und in der Brust gräbt ein Feuerdrache seine Krallen in mein Herz. Atme. Weiter. Atme. Hoch oben ziehen Schwalben in Formationen über den Himmel. Stürzen sich in das Blau. Die Schreie der Mauersegler sind längst verstummt. Weit entfernt höre ich eine Sirene. Laut und drängend. Ich muss Martin anrufen. Rote Streifen ziehen über den Himmel und die Sonne verschwindet vor meinen Augen.

Zwei

Er ist immer so mürrisch, seit dem er in unser Haus gezogen ist, in diese riesige Wohnung der Belle Etage. Er sagt, bei ihm riecht es moderich. Er sagt, diese Wohnung wäre dunkel und eng. Wie können 160 Quadratmeter eng sein für einen kleinen Mann. Deckenhöhe 4,20m. Aufschneider. Vor seinem Wohnzimmer und der angrenzenden Bibliothek steht die Riesenkastanie. Die beschattet ordentlich. Wir wohnen über ihm in der zweiten Etage und sehen über die Krone hinweg. Danach kommt das Dach und da wohnt niemand mehr. Er will zeigen wo er herkommt, dieser Lübecker Fabrikantenschnösel mit seiner Villa am Meer und seinem Geld ich-weis-nicht-wo-alles. Alter Marzipanadel. Wir treffen uns manchmal im Treppenhaus. Mürrisch und wortkarg. Dauernd negativ. Nein und aber und muffig und eng. Das sind die Gespräche. Meine Kinder allerdings mögen den Neuen. Besonders meine sechsjährige Martha.
„Hallo“ lärmen sie ihn an, wenn wir uns im Treppenhaus gegenüberstehen.

„Hallo, wo willst du hin? Kommst du mit spielen? Wo ist deine Frau?“

„Tot“, sagt er dann. Unbeeindruckt informiert Martha ihn:

„Meine Oma auch und Morle liegt im Garten beim Apfelbaum. Kennst du Morle?“

„Nein.“

„Wo liegt denn deine Frau?“

„In Lübeck.“

„Ist das weit weg?“ Martha gibt sich interessiert. „Wolltest du nicht mehr allein dort bleiben?“

„Ja und jetzt muss ich gehen.“

„Wohin, zu deiner Frau?“

„Nein, zum Fleischer.“

Er lüftete seinen Hut zum Gruß und bahnt sich den Weg durch die Kinderschar. „Tschüüüüssssiiii bis morgen“, schreien sie ihm nach.

„Seine Frau ist tot Mama“, belehrt mich meine Tochter lauthals, so als ob ich nicht zugehört hätte, als ob ich gerade erst neben ihr aus dem Nichts aufgetaucht wäre. „Deshalb ist er immer so böse, das musst du verstehen, er hat hier noch keine Freunde.“

Ich stehe auf dem Absatz der zweiten Etage und schaue auf die Webmuster des roten Sisals im Treppenhaus, höre seine Schritte auf den Fliesen im Erdgeschoss klicken, dann schlägt die Haustür geschäftig ins Schloss. Ich fühle mich völlig nackt. Bloßgestellt von der Wahrheit aus dem Munde meiner Sechsjährigen.

drei


vier

In „Schwesterherz“ geht es um ein symbiotische Beziehung innerhalb einer Zwillingsgemeinschaft und den dramatischen Versuch, sich daraus zu befrein.

Finallesung „zeilen.lauf“ Literaturpreises Baden b.Wien 2016 mit dem prämierten 5. Platz ausgezeichnet.

Schwesterherz

„Ich bleibe einfach hier sitzen, bis ich vermodere. Bis Gras über mich wächst, bis mein Blut verdampft in meinen Adern, dann hört es wenigstens auf zu brennen. Bis ich in den Bauch atmen kann ohne Stiche im Herzen.

Deine zerfledderten Lieblingschucks baumeln vor meinen Augen, der rechte Schnürsenkel ist zerrissen. Über deine nackten Fesseln tanzen die Sommersprossen, sprießen hellblonde Haare. Wie bei mir. Heute sind wir sechsunddreißig geworden. Ich habe mich unter dich gesetzt. Die Vögel zwitschern und es ist ganz friedlich im Garten.

Glaubst du, dass es jetzt besser ist? Für mich nicht! Glaubst du, dass jetzt Ruhe herrscht? Für mich nicht! Arschloch Elendes. Verrotten sollst du in Satans Fängen. Mir deinen Tod aufzuhalsen. Mir deine Wut aufzuzwingen. Mich damit zu behelligen, dich abschneiden zu müssen. Hast du denn kein bisschen Anstand?

Diese Waldbrände, die deine Worte in mir auslösten, waren vor Jahren gelöscht. Bis eben.

Das Display mit deiner SMS in meiner Hand schimmert, seitdem ich sie von dir bekam. Wind ist aufgezogen und dein linker Turnschuh tippt immer wieder leicht an meine Schläfe. …

 

Wendezeiten

„Charlotte lernte ich in einem Hausflur kennen. Jeden Abend rannten wir um unser Leben. Das war Anfang Oktober´89 in Dresden.
Einmal war ich nicht schnell genug, wurde gepackt und in einen LKW verladen. Ich sah Charlotte aus den Augenwinkeln in einen Hausflur rennen. Keine Ahnung was jetzt passieren würde. Richtige Angst konnte ich mir nicht leisten, dafür war diese Situation zu gefährlich.
Mit mir saßen noch viele andere auf der zugigen Pritsche. Wir wurden ins Polizeipräsidium gefahren und mussten eine Nacht in Reihe, mit dem Gesicht zur Wand im Kellergewölbe stehen. Gemeinschaftlich eingefangen und nun wusste keiner weiter. Zwei junge NVA-Soldaten bewachten die Reihe. Still standen wir in der Dunkelheit.
Ich glaubte, dass die Masse an Menschen, die auf der Straße demonstrierten, mich persönlich vor dem Knast bewahren würde. Sicher war ich mir nicht. Keine Verhöre, keine Schläge. Zwei Frauen weinten.
In den Morgenstunden bildete sich unter mir eine Urinlache. Der Nachbar entschuldigte sich beim Rausgehen dafür.
„Sie können gehen,“ knarzte eine Männerstimme aus dem Lautsprecher, „ihre Personalien werden aufgenommen.“
Es war 5 Uhr am Morgen, des 6. Oktober ´89 in Dresden. Heute Abend wird Generalprobe sein. Da würde ich singen müssen.
Als die schwarzen Eisentür des Polizeipräsidiums geöffnet wurde und wir entlassen wurden, sah ich Charlotte in der Menschenmenge die die Nacht auf der Wiese davor gewartete hatte. Sie lächelte erleichtert. Ich schaute meiner Hand beim Zittern zu, als ich die Straße langsam überquerte. Charlotte fing mich auf, bevor ich auf dem Asphalt aufschlug und ich landete sicher in ihren Armen. Unverletzt.

Ein Zeitsplitter. Ein Fragment der deutsch-deutschen Geschichte. Eine Erinnerung.

Ich bin Sängerin und gerade mit Fidelio beschäftigt. Heute wird Premiere sein, jetzt den 7. Oktober ´89 in der Semperoper Dresden. Christine Mielitz´s Inszenierung passt in die politische Zeit, passt auf die Themen der Straße. Wir werden sehen, wie lange der Parteiapparat uns spielen lässt.
Fidelio, die Befreiungsoper Beethovens. Brandaktuell und doppelbödig bis zum letzten Zaunpfahl. Das Bühnenbild im Schlussakt gleicht einem Gefängnishof hinter doppelreihigem Maschendrahtzaun. Ein Wachturm und ein Soldat mit Gewehr bewachen die Szenerie. Die Uniform aus der Militärkaserne der NVA. Deutsch-deutsche Grenzbefestigung. Was solle man dabei schon anderes denken.
In Einheitskleidung gepresste Gefangene führt Fidelio, die verkleidete Eleonore, aus den Zellen in den Gefängnisinnenhof.
Leise und zurückhaltend fängt die Musik an zu spielen. Die Männer singen. Vorsichtig.
„Oh welche Lust,
in freier Luft den Atem leicht zu heben,
Der Kerker eine Gruft, eine Gruft.
Oh welche Lust, … nur hier ist Leben.“
Durch den doppelten Stacheldraht ins vollbesetzte Parkett, in den überfüllten ersten Rang, vorbei am zweiten, hoch zu den billigsten Plätzen mit ihrem steilen Blick zur Bühne. Jetzt volltönend. …

Origialbericht von Oktober 1989

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